Neuanfänge

Neuanfang – dieses Wort verbindet man normalerweise nicht mit dem Frühherbst – dieser befremdenden Jahreszeit: Wenn sich die Natur unter einer Decke von grauem Nebel schlafen legt, wenn die Blätter an den Bäumen erblassen und die Nacht plötzlich erstaunlich früh heraufzieht.

Der Frühling ist ein Neuanfang, wenn das Gras spriesst und schiesst und der Duft der aufgebrochenen Erde in meine Nase steigt (wenigstens bei uns auf dem Land ist das so) und die Vögel das Versprechen von Sommertagen wieder in die Morgenluft zwitschern.

So weit der Frühling auch ausser Sichtweite ist, so gut passen Neuanfänge zu meinem Leben. Ich halte bald ein neues Buch in den Händen. Ich trage einen neuen Menschen unter dem Herzen, der noch keinen Atemzug getan hat. Wir haben seit zwei Monaten einen neuen Wohnort – neue Nachbarn, neuer Garten, neue Aufgaben, neue Umgebung.

Die Option ein neues weisses leeres Blatt mit Buchstaben zu füllen, stimmt mich freudig. Die aufwändige Überarbeitungsphase des Manuskripts ist vorbei. Ich jongliere neue Ideen und lasse meiner Kreativität freien Lauf. Das Haus wird neu dekoriert, neue Bilder hängen an den Wänden (oder alte Bilder an neuen Orten). Ein neues Gesichtchen wird bald willkommen geheissen. Das neue Persönchen, mit neuer Nase, neuen Händchen, einem ganz eigenen Charakter.

Doch bleibt dann auch das mulmige Gefühl der Unsicherheit. Ist mein Buch spannend genug?

Wie werde ich die schlaflosen Nächte mit einem hilflosen Würmchen und einer lebhaften Zweieinhalbjährigen meistern? Wie halte ich das grosse Haus von oben bis unten in Schuss?

Die Erfahrung klopft mir aber beruhigend auf die Schulter: „Du bist dir doch Neuanfänge gewohnt.“

Und es stimmt: Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlage, ist die Sonne aufgegangen. Ob hinter einer dicken Wolkendecke oder strahlend hell – sie hat mich noch nie im Stich gelassen. Jeden Morgen wartet ein brandneuer Tag auf mich, vor meinen Füssen ausgerollt. Ich allein entscheide, welchen Teppich ich beschreiten will: den schwarzen der pessimistischen Gedanken oder den weissen der Zuversicht und Hoffnung.

Ich wähle, ob ich in Zorn, Verbitterung oder Selbstmitleid meine Augen senken oder aber mit Liebe und Vergebung nach oben schauen will. Ich suhle mich im Sumpf der Verzweiflung oder richte meinen Blick in das Licht, das durch das Schlafzimmerfenster bis in meine Seele dringt.

Als Versprechen einer neuen Chance. Eines neuen Tages. Eines Neuanfangs.

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