Achtung! Einbrecher!

Es ist 10 Uhr morgens. Die Türglocke bimmelt. Aus dem Spiel mit meinen Kindern aufgeschreckt, eile ich zur Tür und öffne sie.

Draussen steht ein junger Mann. Dicke Jacke, langer rotbrauner Pferdeschwanz, dezenter Nasenring, umwerfend sympathisches Lächeln, schwarze Mappe unterm Arm.

Was kommt jetzt?, frage ich mich. Putzmittel? Panda-Patenschaft? Perfekte Religion? Als könne er Gedanken lesen, sagt er hastig: „Ich verkaufe nichts.“

Er weist sich als Angestellter einer Sicherheitsfirma aus. Beratungen zur Einbruchsicherheit. Denn es ist ja November – sprich Einbruchzeit. Mit einem Papier wedelt er vor meiner Nase herum: Unser Quartier ist mit Rotstift als besonders einbrecherfreundlich gekennzeichnet. Kann man auch online nachschauen, sagt er, auf der Webseite des Bundesamts für Irgendwas.

Macht mich auch gleich auf zwei Dinge im Eingangsbereich aufmerksam, die auf Einbrecher einladend wirken, sollte es sie nach unserer Residenz gelüsten. „Nur 100 Franken … nicht dass sie nachher sagen, hätte ich doch nur …“ Er verstehe ja, wenn man Angst hätte, mit zwei kleinen Kindern zu Hause, da ist ja ein Sicherheitsbedürfnis da. Ob er mit mir einen Termin ausmachen könne …

Bei seinen Worten klingt eine Saite in mir an, mein Mutterinstinkt meldet sich. Wenn ich nachts erwache und meine schlafverwirrten Gedanken mit meiner dramatischen Fantasie Tango tanzen. Ein Irrer schleicht in unser Haus, beraubt mich meiner Würde, meiner Familie. So liest man es ja auch täglich in den Medien.

Erinnere mich an die Panikattacke, als ich in einer der kriminellsten Städte Afrikas umherirrte – im Dunkeln. Jung, weiblich, weiss und allein.

Die nackte Angst, als ich dreimal am Bett eines Familienangehörigen stand – in der Intensivstation, Überlebenschancen nicht garantiert.

Sammle in Gedanken wieder meine schreiende Tochter am Ende der Treppe auf, weil sie mitsamt dem Sicherheitsgitter die Kellertreppe runtersurfte und kopfüber in die Holztür donnerte.

Die Paranoia, als in der Stadt unser Nachbarhaus lichterloh brannte. Angst wohnt gleich um die Ecke.

Ich schaue dem Mann ruhig ins Gesicht, sage ihm fest: Toll, dass es eine Firma wie seine gibt. Dass seine Arbeit unglaublich wichtig ist. Dass ich versuche, wenig leichtsinnig zu sein. Und dass ich ihm viel Erfolg wünsche …

Danke, lächelt er mich umwerfend sympathisch an. Erfolg hat er. Es gibt viele, die mitmachen, sein Terminkalender überquillt. Glaube ich ihm gern. Er winkt mir zu und stiehlt sich davon.

Im Stillen entschliesse ich mich dazu, mein Bargeld ab sofort im Garten draussen zu vergraben – zwischen den beiden Komposthaufen – gut zu finden, sollte ich es brauchen. Auch das Schild „Einbrecher, bitte hier rein!“, schraube ich von der Haustür ab. Meinen Laptop lege ich ab sofort jeden Abend ins WC-Schränkchen und mein Smartphone lade ich nur noch an der Steckdose im Kühlschrank auf.

Aber eins werde ich nicht tun: Ich werde meine Knie nicht vor der Angst beugen. Niemals.

 

Was sagt eigentlich die Bibel über Angst?

„Ich kann beruhigt einschlafen und am Morgen in Sicherheit erwachen, denn der HERR beschützt mich. Ich fürchte mich nicht vor meinen Feinden, auch wenn sie mich zu Tausenden umzingeln.
HERR, von dir kommt Rettung und Hilfe.“ Psalm 3, 6-7 und 9a (HfA)

 

Photo by W A T A R I on Unsplash

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